Was kommt eigentlich nach dem Smartphone?

Autor: Augustin Danciu, Technology Expert, main incubator
Frankfurt, 29.10.2019

Die Frage ist berechtigt. Wir sind im Jahr 13 nach der Veröffentlichung des Sinnbilds für das Smartphone – das erste iPhone kam im Januar 2007 auf den Markt. Seitdem ist viel passiert: die kleinen Helferlein sind zu ausgewachsenen Hochleistungsrechnern herangewachsen, dutzende Unternehmen sind auf den Zug mit eigenen Lösungen aufgesprungen und ihre Displaygröße wächst schneller als die Inflationsrate. Die Frage sei also erlaubt: wo ist die Grenze und was kommt danach?

Wie die meisten, habe auch ich festgestellt, dass meine Hosentasche mittlerweile einen alleinigen Hausherren (oder Dame) hat – nämlich mein Smartphone. Zwar sieht das nicht immer ganz so schön aus und wer kennt nicht die typischen Smartphone-Abdrücke auf der Jeans, aber das nehme ich liebend gerne in Kauf, um auf immer größer werdenden Bildschirmen noch mehr aus meinem Smartphone herauszukitzeln. Es wundert mich doch, dass Hosenproduzenten nicht längst den langjährigen Trend erkannt und spezielle Hosentaschen für Smartphones erfunden haben – vielleicht sogar mit NFC-Schutzmantel und aus staubfreiem Material. Ich weiß, das spricht eher Männer an – die wir keine Handtasche mit uns führen, in der wir zwar bequem Platz für unser Smartphone fänden, aber auch den so wichtigen Vibrationshinweis bei neuen Mitteilungen nicht mehr so einfach wahrnehmen würden.

Ich schweife ab. Fakt ist: mehr als 69% aller Smartphones haben ein Display, das größer ist als 5,5 Zoll. Das entspricht knapp 14 Zentimetern und ist somit ganze 5 Zentimeter größer als beim ersten iPhone. Aber nicht nur Smartphones verfolgen den Trend des stetig wachsendes Bildschirms. Vor gerade einmal 10 Jahren war weltweit jeder dritte verkaufte Fernseher kleiner als 30 Zoll. Heute sind 83% aller verkauften Fernseher über 40 Zoll – ein Drittel ist jetzt sogar größer als 49 Zoll.

Es gibt aber auch genau gegensätzliche Entwicklungen: gar kein Display! Sie heißen unter anderem Alexa, Cortana oder, ganz geschlechtsneutral, Siri. Gut, irgendwie haben sie alle doch etwas mit Displays zu tun – Alexa mit ihrer “Show”-Reihe, Cortana mit Windows und Siri auf dem Tablet oder Smartphone. Die Tendenz geht allerdings dahin, dass Sprachassistenten ihre Ausgabe immer präziser auf den Punkt bringen – und zwar “gesprochen”, ganz ohne Display. Auch die Spracherkennung ist in den letzten Jahren spürbar verbessert und dennoch ist es uns wichtig, neben dem Hören auch etwas zu sehen.

Vorhang auf, Spot an für das bisher recht Unbekannte: die Erweiterte Realität – oder neudeutsch Augmented Reality (kurz: AR). Tatsächlich ist die Nachfrage nach AR sehr bescheiden. Während die Virtuelle Realität (Virtual Reality, kurz VR) seit Ende 2015 der “Künstlichen Intelligenz” in Sachen Google Suchanfragen den 1. Rang locker abgelaufen hat, und im Moment wieder hart den ersten Platz zu verteidigen versucht, dümpeln Suchanfragen zur Erweiterten Realität seit Jahren nur so vor sich hin.

Der oder die gewitzte LeserIn könnte jetzt natürlich einwerfen: “Ist doch klar! Denn ein Display ist im Grunde auch nur eine virtuelle Realität. Oder ist dir schon mal ein Outlook-Fenster auf der Straße begegnet?”. Wohl eher nicht. Naheliegend ist tatsächlich, dass wir beim Verwenden eines Displays die Realität verlassen und uns in eine andere, allerdings zumeist 2-dimensionale Umgebung versetzen. Viel naheliegender ist, dass die große Nachfrage an VR aus der Welt der Zocker und Gamer kommt: im Januar 2016 kam von Facebook die erste große Revolution namens Oculus Rift auf den Markt. Analog zum Smartphone kam also die Nachfrage mit dem Angebot – John M. Keynes würde jetzt jubeln.

Jetzt aber wieder zurück zu AR. Es gibt mittlerweile zahlreiche Apps, wie die von IKEA, mit der ich schauen kann, ob das neue Kallax-Regal in meinem Wohnzimmer zu den Garienden passen würde. Oder die World Brush App, mit der ich die ganze Welt vollsprühen kann – ein virtuelles Schlaraffenland für Street Artists und Graffiti-Liebhaber. Nutzerraten? Vernachlässigbar gering. Heutige Lösungen amerikanischer und australischer Banken setzen ebenfalls auf die Verwendungen von AR über das eigene Smartphone. Dabei werden Informationen, die auch bereits über die üblichen Banking Apps verfügbar sind, in einer AR-Form dargestellt – aber auch nicht mehr. Bislang gibt es keine Lösung, die einen tatsächlichen Mehrwert oder gar eine Produkterweiterung auf Basis der größeren Darstellungsweise oder der zusätzlichen dritten Dimension liefert. Diese Apps leben doch wieder nur vom Display meines Smartphones, über das ich mir etwas anschaue – augmented hin oder her.

Microsoft hat genau dieses Problem erkannt und recht früh die HoloLens auf den Markt geworfen. Wobei bei dem stattlichen Preis von etwa 5.000 Euro eine geeignetere Formulierung “sanft auf dem Markt platziert” passen würde. 50.000 Stück wurden laut Microsoft bis Frühling 2018 verkauft – völlig unverhältnismäßig hier einen Vergleich zu Smartphones zu ziehen. Für den Massenmarkt ist diese Lösung offensichtlich nicht gedacht. Nur, was machen die anderen eigentlich?

Manege frei für den erfolgreichsten Marketing-Akrobaten der Welt: Apple! Die Gerüchteküche brodelt und schürt Hoffnung auf eine AR-Brille, mit der Apple womöglich schon kommendes Jahr alle Google Trends Statistiken explodieren lassen könnte. Wie von langer Hand geplant, kündigte Apple ihr ARKit (spezielle APIs für AR) bereits in 2017 für das iPhone an, das zukünftig als Rechenzentrale für eine möglichst leichte AR-Brille fungieren könnte. 

Die Vorteile liegen auf der Hand – oder viel mehr auf der Nase: das Smartphone wird in der Handhabung mit wachsender Displaygröße immer unhandlicher, wohingegen eine Brille ein komfortables Tragen mit einem x-Fachen an Displaygröße erlaubt – einzig limitiert durch das menschliche Sichtfeld. Verbunden mit einer, wie schon erwähnt, immer besser werdenden Sprachsteuerung, ließen sich einfache, tägliche Funktionen ganz ohne das Zücken des Smartphones erledigen. Die AR-Brille, kombiniert mit einer Leistungsstarken Smartwatch als AR-Zentrale, hieße dann das Ende des Smartphones.

Wagen wir noch einen weitergehenden Blick in die Zukunft: Da die meisten Dinge, die wir am Computer tun, mittlerweile über den Browser laufen, könnten wir mit einer per Bluetooth angeschlossenen Tastatur einen vollwertigen Arbeitsplatz ersetzen. Der heimische Fernseher wird obsolet und der Blick auf das Navigationssystem beim Fahren ebenfalls. Wir werden nicht mehr gezwungen, irgendwohin zu schauen – sondern wo wir hinschauen, sehen wir, was wir sehen möchten.

Davon ausgehend, dass in der Zukunft eine Technologie das Smartphone ersetzt, wird dies auch Folgen für Banking haben. Denn laut einer Umfrage von Bitkom Research nutzen 69% der Online Banking-Nutzer auch eine App auf ihrem Tablet oder Smartphone – bei Bankkunden zwischen 16-29 Jahren sind es sogar 77%. Autorisierungsverfahren wie die Mobile oder Photo TAN erzeugen sogar eine regelrechte Abhängigkeit vom Smartphone und schreien also nach einer Alternative, sobald es zum Ende des Smartphones kommt. 

Augmented Reality hat das Potenzial, diese Technologie zu sein. Deshalb ist es also durchaus sinnvoll, sich bereits jetzt mit den Auswirkungen und Möglichkeiten von AR auseinanderzusetzen, um nahtlos an kommende Trends anschließen zu können. Der Bedarf an “Banking überall”, wie es nun mal das Smartphone ermöglicht, wird auch weiterhin bestehen bleiben, wenn es selbiges nicht mehr gibt. Die Frage ist nun, was verändert sich dadurch? Was von dem, was wir heute kennen, fällt weg? Und welche zusätzlichen Möglichkeiten eröffnen sich durch eine nicht nur viel größere Darstellungsfläche, sondern auch durch eine zusätzliche, dritte Dimension? Mit diesen und vielen weiteren Fragen müssen wir uns bereits jetzt beschäftigen, um sprichwörtlich visibel zu sein in einer AR Welt. Die immer häufiger eingetragenen Patente und Übernahmen von AR-spezialisierten Unternehmen, lässt zumindest auf eine baldige Erweiterung der Kommerzialisierung schließen.